Die lieben Mitmenschen


Irgendwie empfinde ich einen gewisse Bewunderung für Super­markt­werbe­durch­sagen­sprecher, die den Satz “Coole Angebote bestimmen jetzt den Markt!” mit dem üblichen fröhlich-jauchzenden Ton vortragen können, ohne dabei vor Lachen am Boden zusammenzubrechen.

Eva Herman hat sich ja in den letzten Jahren immer wieder dadurch hervorgetan, dass sie haarsträubende Sachen meinte vertreten zu müssen; im Grunde war sie mir aber immer herzlich egal. Reaktionäre dürfen auch ihre Meinung haben, so hanebüchen sie auch sein mag.
Jetzt allerdings hat sie sich in einem Artikel im Online-Auftritt des Kopp-Verlages (der z.B. als “rechts-esoterisch-weltverschwörerisch” beschrieben wird) über die Todesfälle in der Massenpanik auf der Loveparade am letzten Wochenende ausgelassen. Der Großteil des Artikels ist zwar haarsträubend, aber nicht unbedingt aufregenswert (oder gar überraschend). Wie gesagt, Reaktionäre dürfen auch eine Meinung haben.
 
Mit den nachfolgenden Sätzen hört allerdings nicht nur der Artikel, sondern so ziemlich alles auf:
“Eventuell haben hier ja auch ganz andere Mächte mit eingegriffen, um dem schamlosen Treiben endlich ein Ende zu setzen. Was das angeht, kann man nur erleichtert aufatmen!”
 
Selbst ein halbherzig nachgeschobenes “Grauenhaft allerdings, dass es erst zu einem solchen Unglück kommen musste.” kann das nicht mehr geraderücken.
 

Sehr geehrte Frau Herman,
Sie atmen nach diesem Unglück also auf?
Sie mögen sich zwar offensichtlich für sehr religiös halten, aber ebenso offensichtlich haben Sie nichts von dem verstanden, was in Ihrem Büchlein im Neuen Testament geschrieben wird.
Ein kleiner Tip: Menschenverachtung ist nicht dabei.

Was für eine Scheiße.

Es hätte sehr glatt gehen können. Jetzt, wo aufgrund gewisser Unfähigkeiten keine Fanrandale zu erwarten gewesen wären und wo der grottige Schienenersatzverkehr nicht mehr verkehren muss, hätte die Rückfahrt ganz einfach sein sollen. Fünf Minuten zur Haltestelle laufen, 15 Minuten Bahnfahren, und wieder 10 Minuten von der Haltestelle zur Wohnung.
Aber beim Museum König, also etwa auf halber Strecke, hielt die Bahn an. Es kam eine Durchsage:
“So liebe Fahrgäste, ich habe gerade von der Zentrale gesagt gekriegt, dass ich Fahrverbot habe. Es geht also nicht weiter.”
Ungläubige bis genervte Blicke allerseits.
Und alle bleiben sitzen, da man weitere Durchsagen erwarte vom Typ “geht in 20 Minuten weiter” oder “Ersatzverkehr ist unterwegs” oder zumindest etwas im Sinne von “Wir haben auch keine Ahnung, was jetzt passiert”.
Was kam, war der Satz: “An die Leute, die jetzt sitzen bleiben: ich habe auch keine Lust, hier zu übernachten.”
Danke, sehr freundlich.

Also raus und nach oben, man kennt das Spiel ja inzwischen.
Mit Ersatzverkehr war auch nicht zu rechnen, aber zum Glück weiß ich aus früheren Aktionen, dass 200m weiter eine Haltestelle ist. Zwar für den Bummelbus nach Godesberg, aber besser im Bus bummeln als eine Stunde zu laufen.

Wenn denn ein Bus gekommen wäre.
Stattdessen sind 5 Mannschaftswagen der Polizei mit Blaulicht an uns vorbeigerast.
Daran lag’s also

Nach 20 Minuten und zwei nicht gekommenen Bussen war es mir dann zu blöd. Lauf ich halt, hab ja Musik.
Nach einer Minute war dann der Akku vom Player leer.
Natürlich.

Ersatzverkehr: immer noch nicht in Sicht.

Daumen raus halten: fruchtlos (auch an Stellen, wo man durchaus bequem anhalten könnte).

Also hab ich mir am Museumsplatz ein Taxi genommen.
10 Euro ärmer, danke schön.
Und die 2,40€ für’s Bahnticket waren auch super investiert, wirklich.
 
 
Ein durchaus passender Ausklang eines ab 20.30h wirklich miserablen Abends.

Ich hab das Gefühl, dass Aldi neuerdings auf Analog umgestellt hat.
Zumindest seine Steinofenpizza.

Dem Geschmack (bzw. seiner Abwesenheit) nach ist da nämlich nicht nur Analogkäse und Analogschinken drauf, sondern auch Analogtomatensoße, Analogsalami (mit Salz gestreckt) und Analogpilze; das ganze dann auf Analogteig.

Könnte man auch direkt die Verpackung essen.
Bisschen Salz drauf, und sie schmeckt genauso. Hat nur weniger Fett.

Seit ich meinen Job gewechselt habe gehe ich jeden Tag mindestens zwei mal durch die Godesberger Innenstadt. Ein Arbeitsweg, den ich eigentlich recht gern habe; er führt direkt an meinem Lieblingsteeladen vorbei (das ist eine Geschichte für ein ander Mal), ist autofrei, und ich kann auf dem Weg einkaufen gehen. Ausserdem mag ich es, Gespräche in vielen verschiedenen Sprachen zu hören; eine Hinterlassenschaft des ehemaligen Status als Diplomatenviertel.
Und gelegentlich finden sich dort Straßenmusiker ein. Straßenmusikern kann ich durchaus etwas abgewinnen, wenn sie wirklich gut sind. Und das sind einige von ihnen. Allerdings gibt es da zwei deutliche Ausnahmen: die obligatorischen Panflötenindianer mit Betulichkeitsmusik aus 90er-Jahre-Fernsehwerbung, und der schlechteste Geiger der Welt.

Über erstere braucht man ja keine weiteren Worte zu verlieren, aber zweiterer bedarf einer Erklärung, denke ich.
Zuallererst schafft er es, jeden zweiten oder dritten Ton quietschen oder kratzen zu lassen. So weit nicht besonderes, das beherrscht so ziemlich jeder Straßengeiger. Was ihn aber hervorhebt, ist seine (wie ich hoffe) einzigartige Begabung, bekannte Melodien durch Betonung an völlig unsinnigen Stellen sowie scheinbar wahllose Tempiwechsel so zu entstellen, dass sie lediglich als belangloses Gefiedel wie von einem Zehnjährigen, der einfach orientierungslos Töne aneinanderreiht, erscheinen. Manchmal, wenn man sich konzentriert, kann man erkennen, welches Stück da gerade malträtiert wird.
Aber halt auch nur manchmal.

Dann doch lieber Panflötenindianer.

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