Ich verstehe das aktuelle Verhalten der japanischen Regierung nicht.

Völlig egal, ob man irgendwie sein Gesicht wahren will oder ähnlicher Blödsinn, aber wenn ich einen atomaren Zwischenfall der Kategorie “wir warten nur darauf, dass es in die Luft fliegt” im Land habe, und mir jeder, der auch nur entfernt Ahnung von Kerntechnologie hat, (wie z.B. die internationale sowie die nationale Atomaufsicht), sagt “macht die Evakuierungszone auf 40km, und zwar am besten vorgestern” (zu deutsch: “seht zu, dass ihr da weg kommt”), dann glaube ich denen das doch. Dann sage ich nicht: “Nein, 20 km reichen”.

Ich weiß, unsere Regierung leidet gelegentlich (sprich: viel zu oft) auch unter selektiver Expertenallergie. Selektiv, weil das immer genau dann passiert, wenn die Expertenmeinung sich nicht mit den eigenen Wunschvorstellungen deckt. Das ist bei Bürgerrechts- und Finanzdingen schon schlimm genug. Aber wenn dieses Verhalten bedeutet, dass 150.000 Menschen das Leben bis in die nächste (ungeborene) Generation noch mehr versaut bis beendet wird, als das ohnehin nach Erdbeben und Tsunami schon der Fall ist, dann hört wirklich alles auf.

Vor etwa drei Wochen haben Astrid und ich unsere Lidl-Bahntickets eingelöst und ein Wochenende in Wien verbracht (wo zufälliger- und netterweise seit einer Woche die Coco wohnte).
Wien ist eine sehr schöne Stadt, vollgestopft mit Palästen, Statuen, guten Museen und Prachtbauten, die auf kein Foto passen, durch deren Altstadt ein dezenter Hauch vor Pferdeapfelaroma weht und in der Samstags um 18 Uhr die Bürgersteige hochgeklappt werden. Ich kann einen Besuch nur empfehlen.

Marie-Theresien-PlatzKunsthistorisches MuseumWien InnenstadtWien ParlamentWien Parlament
Wien ParlamentWien ParlamentSchönbrunn SchlossparkSchönbrunn GlorietteSchönbrunn
Schönbrunn SchlossparkWien SchwarzenbergplatzWien BelvedereWien BelvedereWien
 
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Wir hatten das übrigens Glück, dass momentan im von Hundertwasser entworfenen Haus der Kunst (unbedingt hingehen!) neben der permanenten Hundertwasser-Ausstellung eine Ausstellung von HR Giger war. Sehr coole Sache.
 
 
Untergekommen sind wir in der Wombats-Lounge. Zwar nicht ganz billig (knapp über 30€ pro Nacht und Nase), aber billiger kommt man in Wien wohl nicht weg, wenn man nicht gerade in der letzten Absteige in die Besenkammer gesperrt werden will. Dafür ist es sauber, hat ein brauchbares Frühstück, ein Bad auf dem (Doppel-)Zimmer, eine Gemeinschaftsküche, wenn man sich selber was machen will und eine nette Bar im Keller. Laut war’s auch nicht unbedingt, wenn man vom Putzpersonal absieht, dass um halb acht morgens die Metallgeländer der Treppe anscheinend als Glocke benutzt hat, um danach vor unserer Zimmertür (deren Abstellkammer war wohl daneben) laut rumzurumpeln und zu -rufen. Kann das Hostel trotzdem uneingeschränkt empfehlen.
Liegt ausserdem direkt am Westbahnhof, ein weiterer nicht zu unterschätzender Vorteil.
 
 
So sieht übrigens ein Burger King in Wien von innen aus:

Burger King in Wien

(Man ignoriere die schlechte Bildqualität (dunkler Raum, freihand) und achte dafür auf die Kunst an den Wänden)
 
 
Die Sache mit “um 18 Uhr Samstags die Bürgersteige hochklappen” fällt übrigens besonders dann negativ auf, wenn man für die Zugfahrt am nächsten Tag noch Verpflegung kaufen wollte.
Und falls ihr mal davor steht, eine zehnstündige Zugreise anzutreten: tut es nicht. Findet irgendwas anderes. Selbst, wenn es mehr kostet.

Onkel Mo ist jetzt offiziell alt.

Ein kleiner Nachtrag noch zu der Wikileaks-Veröffentlichung; genauer gesagt zu ihrem Namen: Cablegate.
 
Ich finde die (Un)sitte, jedem zweiten Skandal und Skandälchen einen Namen zu geben, an den die Silbe -gate drangeklatscht wird, unsäglich genug.
Diesen Namen aber selbst zu vergeben, meiner Vermutung nach in der Absicht, das Geschehen in den Skandalstatus zu erheben, finde ich allerdings noch eine ganze Ecke schlimmer.

Ich finde die aktuelle Veröffentlichung von Wikileaks (“cablegate“) nicht richtig, fast sogar schadhaft.
 
Bisher hatte ich von Wikileaks immer einen positiven Eindruck. Den Eindruck, dass sie nur dann Dokumente veröffentlichen, wenn deren Geheimhaltung einen Skandal oder ein großes Unrecht versteckt, wie zum Beispiel das Video vom Hubschrauberangriff im Irak oder die Sperrlisten für die geplante oder durchgeführte Netzzensur, die neben den propagierten (Kinder)porno-Seiten auch Seiten von Filesharern, politischen Gegnern und unliebsamen Blogs enthielten.
 
Die jetzt in fünf großen Medien (Spiegel, Guardian, New York Times, Le Monde, El Pais) veröffentlichten Botschaftsdepeschen hingegen sind nichts dergleichen. Es sind lediglich persönliche Einschätzungen der Botschaften ihrer jeweiligen Gastgeberländer. Es ist nichts skandalöses oder gar menschenrechtsbedrohendes dabei – im Grunde weiß jetzt nur die Welt, was die USA über sie denken und was sie ihr nicht ins Gesicht gesagt hätten.
Und an den Sachen, die in den Dokumenten stehen, finde ich auch nichts verwerfliches. Im Gegenteil – für die Arbeit eines Diplomaten ist es unabdingbar, dass man mit den eigenen Leuten offen und ehrlich reden kann, in aller Vertraulichkeit. Und ganz ehrlich: überraschend ist nichts von den Aussagen. Überhaupt nichts. Dass Westerwelle nicht der geborene Außenpolitiker ist, dass Angela Merkel nicht wirklich risikofreudig ist, dass unliebsame und grenzkompetente Politiker gerne mal in die EU abgeschoben werden, dass Erdogan die Türkei langsam aber sicher in den Islamismus führt, dass es um die Demokratie in Russland nicht so rosig bestellt ist, dass das iranische Atomprogramm ein Risiko ist, das sind alles Dinge, die mehr oder weniger allgemein bekannt sind. Ich würde sogar soweit gehen, die Analysekompetenz der Diplomaten in Frage zu stellen, wenn sie zu anderen Ergebnissen kommen würden.
 
Diese Dokumente sind zwar ganz interessant, haben für die Allgemeinheit aber keinerlei Mehrwert.
Sie sind aber peinlich für die USA und potentiell schädlich für die Arbeit ihrer Diplomaten. Denn es ist ein Unterschied, zu vermuten (oder auch nicht), dass der Gegenüber einen für inkompetent hält, oder es zu wissen.
 
Ich habe den Eindruck, dass diese Veröffentlichung lediglich dazu dient, den USA an den Karren zu fahren. Ein Racheakt, vielleicht.
Und das ist nicht das, was eine Organisation wie Wikileaks tun sollte. Nicht, wenn sie mehr als nur “Verräter” sein wollen.

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