20 Aug. 2007 22:32
Ich habe kürzlich einen Artikel im Spiegel gelesen, in denen der werte Herr Beck (seines Zeichens SPD-Vorsitzender (Ach, echt?)) vorschlägt, eine „freiwillige“ Wehrpflicht einzuführen. Sprich, gemustert wird weiterhin jeder, nur eingezogen wird nur, wer’s wirklich will. Zivildienst fällt weg.
Dieser Artikel hat mich „inspiriert“ meine Meinung dazu kund zu tun. Was hiermit geschieht. 😉
Vorneweg:
Ich bin für den Wehrdienst. Okay, nicht für den Wehrdienst an sich, oder das System, wie es momentan läuft, aber das möchte ich ja hier erläutern.
Tiefergehendes ist dem weiteren Text zu entnehmen.
[Ich habe gerade zum ersten Mal den more-Tag verwendet. Das wird ein langer Text]
Um es zusammenzufassen: der Kerl hat in gewissen Sinne recht, es kommt im Endeffekt aber aufs falsche raus. Meiner Meinung nach.
Zuallererst bin ich der Ansicht, dass das deutsche Sozialsystem abhängig ist vom Zivildienst. Wenn das ganze Omarumfahren, Behindertenbetreuen, Kinderbeaufsichtigen, Krankenbettenrumschieben etc. von gelernten Pflegern gemacht werden müsste, die davon ihren Lebensunterhalt bestreiten müssen und einen dementsprechenden Stundenlohn haben, würden die Kosten dafür ins Unermessliche steigen. Mal ganz davon abgesehen, dass schlicht und einfach das Personal fehlen würde.
Was in meinem Augen aber noch viel wichtiger ist, ist das (dreiviertel) Jahr „Auszeit“. Mir persönlich hat es sehr gut getan, einfach mal ne Zeitlang den Kopf frei zu haben vom ewigen Lernen, Hausaufgaben machen und In-Klassenräumen-sitzen. Und vor allen Dingen hatte ich, nachdem ich ein halbes Jahr Abstand hatte, genug Zeit (und viel wichtiger: Bock), mir darum Gedanken zu machen, was ich mit meiner Zukunft anfangen will.
Seien wir mal ehrlich: die wenigsten machen das, während sie im Abistress stecken (für die mittlere Reife gilt natürlich das Gleiche, aber da kommt die Ausbildung vor der Musterung). Als Jugendgruppenleiter und großer Bruder hab ich schon oft genug mitgekriegt, dass, sobald die Schule hinter sich gebracht ist, die Panik losgeht. Die wenigsten haben sich vorher ernsthafte Gedanken darum gemacht, was jetzt passieren soll. Und diejenigen, die keinen Wehr- oder Zivildienst machen, fangen dann oft in Torschlusspanik irgendeine Ausbildung oder ein Studium an, nur um irgendetwas zu machen.
Weil es sich halt gut anhört.
Weil es interessant klingt.
Weil sie es sich „irgendwie vorstellen“ können.
Manchmal passt das, oft aber auch nicht. Gerade diese „spontanentschlossenen“ Ausbildungen bzw. Studien werden gerne mal abgebrochen (Wobei das beim Studium wesentlich häufiger passiert. Ausbildung is wohl doch „verbindlicher“, subjektiv. Man hat halt nen Vertrag geschlossen). Weil die Personen sich halt doch nicht in dem Fach oder dem Job wohlfühlen und wiederfinden.
Deswegen finde ich das Jahr „Pause“ ziemlich wichtig. Mag sein, man kommt ein Jahr (oder zwei, bei längerer Schulzeit) später in den Arbeitsmarkt als die meisten europäischen Nachbarn, wie überall voller Panik trompetet wird. Aber ist das wirklich so schlimm? Macht das die Jobsuche so viel schwieriger? Ich kanns mir ehrlich gesagt nicht vorstellen. Ich hab jedenfallls nicht den Eindruck, dass hier überall Franzosen und Engländer arbeiten, während die deutschen Absolventen auf der Straße stehen, weil sie zwei Jahre später fertig sind.
Und wann hat man nochmal die Chance, ein Jahr was ganz anderes zu machen? Ohne sich *wirklich* ne Auszeit von Studium oder Job zu nehmen?
Daher stehe ich der Wehrpflicht im Allgemeinen erstmal positiv gegenüber.
Im Speziellen finde ich eine Wehrpflicht ausgesprochen anachronistisch. Und ungerecht.
Eine Sache wird in dem am Anfang verlinkten Artikel angesprochen, die längst überfällig ist: ein freiwilliger Wehrdienst.
Faktisch ist es schon längst freiwillig, ob man zum Bund geht. Man muss sich schon sehr blöd anstellen, damit die eigene Verweigerung abgelehnt wird. Demnach gehen nur noch die Leute zum Bund, die tatsächlich dahin *wollen* (oder die’s verpennen, zu verweigern. Die haben dann meistens auch richtig Spass bei dem Verein. Und der Verein mit ihnen. Gedient is keinem*). Überhaupt der Zwang, verweigern zu müssen, wenn man lieber Zivildienst machen will (man sieht, momentan gehts nur um die, die das überhaupt müssten) ist in meinen Augen schon lange überholt.
Daraus folgend gingen bei einer freiwilligen Entscheidung (und keiner Pflicht, die jeder verweigern kann) nicht weniger Leute zum Bund (wenn die Alternative nicht „gar nix machen“ is).
Daher den Zivildienst abzuschaffen halte ich aber aus oben genannten Gründen für grundfalsch.
Im Gegenteil: ich bin für ein verpflichtendes, wie auch immer zu nennendes „Jahr“ für alle. Und „alle“ schließt in diesem Fall den nicht bephallisierten Teil der Gesellschaft mit ein. Das Argument, mit dem Frauen bisher von der Wehrpflicht ausgenommen werden bzw. das von Frauenvertreterinnen (mit kleinem i) immer vorbringen, um den jetzigen Status aufrechtzuerhalten („wir kriegen ja die Kinder“), ist in einem Staat mit gegen Null tendierender Geburtenrate, in dem die übrigen Väter immer häufiger Vaterzeit in Anspruch nehmen, mehr und mehr hinfällig. Gleichberechtigung ist zweiseitig.
Mal ganz davon abgesehen, dass ich, wie oben gesagt, der Meinung bin, dass ein solches Jahr einen ganzen Haufen Vorteile mit sich bringt. Für die Leute, die dieses Jahr ableisten genauso wie für den Staat.
Wie genau dieses Jahr aussehen könnte, weiß ich nicht genau. Im Grunde sollte es eine Wahl zwischen Wehrdienst, Zivildienst und dem, was man momentan im freiwilligen ökologischen Jahr macht, sein. Oder was sonst noch sinnvoll erscheint.
Verpflichtend für alle und frei in der Wahl.
* Pun intended
August 21st, 2007 at 20:53
Hi Mo!
Hier muss ich Dir ausnahmsweise mal ausgesprochen widersprechen. Sicherlich ist Deine Argumentation, dass unser Sozialsystem sehr stark vom Zivildienst profitiert durchaus richtig.
Allerdings ist allein schon diese Erkenntnis ein Anzeichen dafür, dass die Wehrpflicht sofort abgeschafft gehört. Wenn nämlich die einzige schlüssige Argumentation für den Wehrdienst die Bereitstellung von Zivildienstleistenden ist, so hat die Wehrpflicht allen voran eins: das Ziel verfehlt!
Der Zivildienst ist und bleibt ein Ersatzdienst für Menschen, die aus Gewissensgründen ein Problem damit haben, Kriegsdienst zu leisten.
Feine Sache, dass unser Staat in der Nachkriegszeit die Möglichkeit eingeräumt hat, das Gehirn nicht unbedingt für 12 Monate abgeben zu müssen, sondern als mündiger Bürger darüber entscheiden zu können, ob man sich einer Befehls- und Gehorsam-Struktur ohne Wenn und Aber unterordnen mag oder eben nicht.
Allerdings kann die Hintertür, die aufgrund unserer Nationalgeschichte geschaffen wurde, nicht der Grund für das große Portal „Wehrpflicht“ sein.
Weiterhin kenne ich durchaus Studenten, denen dieses Jahr wirklich in der Lebensplanung steht, weil sie genau wissen, was sie machen möchten und vielleicht auch schon neben der Schule entsprechende Praktika absolviert haben und daher auch wissen, was „arbeiten“ ist.
Der Gedanke des verpflichtenden sozial/ökologischen Dienstes hingegen wäre sicherlich überlegenswert, wenn auch meines Wissens nach sicherlich innovativ. Dann würde ich mich jedoch darüber freuen, wenn soziales/gesellschaftlich wertvolles Engagement über dieses eine Jahr hinaus auch noch in weiteren Phasen des Lebens gefordert würde. Ein gutes Modell habe ich dazu jedoch auch noch nicht.
August 21st, 2007 at 21:17
Hi!
Hm.
So ausgesprochen widersprichst du mir ja gar nicht.
Ich finde ja auch, dass der Wehrdienst nicht der Grund für Zivildienst sein kann (oder umgekehrt). Das is nur nunmal die aktuelle Situation.
Und die muss geändert werden, weg von einer Pflicht zum Dienst bei der Armee, hin zur freien Wahl.
Auch das durchaus Studenten gibt, denen das Jahr in der Lebensplanung steht, kann ich mir vorstelle (und ja, ich kenne auch welche). Aber das gerade dieses Jahr nur zwei Dritteln der männlichen Bevölkerung überhaupt im Weg stehen kann, macht das genaze ja ungerecht. Deswegen bin ich für Pflicht für alle, ungeachtet von Geschlecht und Ergebnis der Musterung.
Es geht mir ja auch nicht darum, zu wissen, was „arbeiten“ ist.
Im letzten Absatz sprichst du was an, was ich in meinem Text nicht genannt hab: dass es vielen Leuten durchaus gut tun könnte, mal sozial aktiv zu sein.
Da hat natürlich nicht jeder Bock drauf, aber darum solls ja nicht gehen.
Warum ich den Wehrdienst nicht komplett abschaffen würde, sondern als eine Alternative von vielen anbieten würde, liegt daran, dass es durchaus auch Menschen gibt, die sich mit der sozialen/ökologischen Aufgabe mehr als schwer tun würden.
Ausserdem werden beim Bund -man mag es kaum glauben- auch viele soziale Werte (im Sinen von Gruppenverhalten) gelehrt.
Ich glaube, unsere Meinung weicht in genau dem Punkt voneinander ab: ich würde den Wehrdienst als Alternative beibehalten, du würdest ihn streichen.
August 24th, 2007 at 22:43
Nun, wer gerne zum Bund gehen mag, soll dies tun können. Da weiche ich gar nicht so von Dir ab.
Ich bin der Meinung, dass dies gleichberechtigt als Pflichtdienst zählen sollte wie Feuerwehr, THW oder eben ein FSJ, FÖJ oder Engagement bei DLRG, DRK, Johannitern oder eine Ausbildung im Gesundheitsbereich.
Unsere Bundeswehr sollte nicht unbedingt abgeschafft werden, aber der Weg zu einer Berufsarmee mit ordentlichen Anreizen auch für Menschen, die auch „normal“ studieren könnten, sollte ja nicht so schwer sein. Funktioniert in anderen Ländern ja auch und dort gibt es auch nicht nur perspektivenlose Rekruten, die sonst arbeitslos wären.
Ich glaube, wir sind in der Tat d’accord in vielen Punkten.
Gut Pfad
Christian
August 24th, 2007 at 22:58
Genau das wollt ich ausdrücken.
Ebenso gut Pfad und viel Spass bei der Kinderfreizeit,
Mo
August 27th, 2007 at 17:59
Dinge die meiner Erfahrung nach beim Wehrdienst (ja nach Einheit unterschiedlich intensiv) gelehrt werden und einigen Menschen sehr gut tun:
– (gezwungenermaßen) mit unterschiedlichsten Menschen, auch mit unterschiedlichsten Hintergründen zusammen leben und klarkommen zu müssen => results in „social competence“ (bei vielen Arbeitgebern ein wichtiger Faktor
– Selbstdisziplin (nicht direkt die Flinte ins Korn schmeißen wenn mal was auf Anhieb nicht funktioniert)
– Fremddisziplin; einfach mal machen was von einem verlangt wird, ohne große Diskussion und „gezeter“
– Sauberkeit und Ordnung (man glaubt garnicht was für Ferkel es gibt)
– SPORTLICHE Betätigung in freier Luft
– Erste Hilfe (die Führerscheinkurse verblassen ja sehr schnell)
– „Mal weg von Mama“ als eins der wenigen Dinge die der Zivildienst nur in seltesten Fällen bietet
…um nur einiges zu nennen, ganz so sinnlos ist der Aufenthalt nämlich nicht, auch wenn die „Arbeit“ die man dort tut durchaus den Anschein wecken kann;-)
Problematisch ist, dass wie oben erwähnt die Leute, die das am dringendsten nötig haben ausgemustert werden, gut das Papi nen Arzt kennt…
Insgesamt finde ich den Ansatz „Zivi oder Bund“ als Pflicht für alle (auch Frauen) sehr gut!
Cheers,
Micha