Ich habe kürzlich einen Artikel im Spiegel gelesen, in denen der werte Herr Beck (seines Zeichens SPD-Vorsitzender (Ach, echt?)) vorschlägt, eine „freiwillige“ Wehrpflicht einzuführen. Sprich, gemustert wird weiterhin jeder, nur eingezogen wird nur, wer’s wirklich will. Zivildienst fällt weg.
Dieser Artikel hat mich „inspiriert“ meine Meinung dazu kund zu tun. Was hiermit geschieht. 😉
 
 
Vorneweg:
Ich bin für den Wehrdienst. Okay, nicht für den Wehrdienst an sich, oder das System, wie es momentan läuft, aber das möchte ich ja hier erläutern.
Tiefergehendes ist dem weiteren Text zu entnehmen.
 
 
[Ich habe gerade zum ersten Mal den more-Tag verwendet. Das wird ein langer Text]

 
Um es zusammenzufassen: der Kerl hat in gewissen Sinne recht, es kommt im Endeffekt aber aufs falsche raus. Meiner Meinung nach.

Zuallererst bin ich der Ansicht, dass das deutsche Sozialsystem abhängig ist vom Zivildienst. Wenn das ganze Omarumfahren, Behindertenbetreuen, Kinderbeaufsichtigen, Krankenbettenrumschieben etc. von gelernten Pflegern gemacht werden müsste, die davon ihren Lebensunterhalt bestreiten müssen und einen dementsprechenden Stundenlohn haben, würden die Kosten dafür ins Unermessliche steigen. Mal ganz davon abgesehen, dass schlicht und einfach das Personal fehlen würde.

Was in meinem Augen aber noch viel wichtiger ist, ist das (dreiviertel) Jahr „Auszeit“. Mir persönlich hat es sehr gut getan, einfach mal ne Zeitlang den Kopf frei zu haben vom ewigen Lernen, Hausaufgaben machen und In-Klassenräumen-sitzen. Und vor allen Dingen hatte ich, nachdem ich ein halbes Jahr Abstand hatte, genug Zeit (und viel wichtiger: Bock), mir darum Gedanken zu machen, was ich mit meiner Zukunft anfangen will.
Seien wir mal ehrlich: die wenigsten machen das, während sie im Abistress stecken (für die mittlere Reife gilt natürlich das Gleiche, aber da kommt die Ausbildung vor der Musterung). Als Jugendgruppenleiter und großer Bruder hab ich schon oft genug mitgekriegt, dass, sobald die Schule hinter sich gebracht ist, die Panik losgeht. Die wenigsten haben sich vorher ernsthafte Gedanken darum gemacht, was jetzt passieren soll. Und diejenigen, die keinen Wehr- oder Zivildienst machen, fangen dann oft in Torschlusspanik irgendeine Ausbildung oder ein Studium an, nur um irgendetwas zu machen.
Weil es sich halt gut anhört.
Weil es interessant klingt.
Weil sie es sich „irgendwie vorstellen“ können.

Manchmal passt das, oft aber auch nicht. Gerade diese „spontanentschlossenen“ Ausbildungen bzw. Studien werden gerne mal abgebrochen (Wobei das beim Studium wesentlich häufiger passiert. Ausbildung is wohl doch „verbindlicher“, subjektiv. Man hat halt nen Vertrag geschlossen). Weil die Personen sich halt doch nicht in dem Fach oder dem Job wohlfühlen und wiederfinden.
 
 
Deswegen finde ich das Jahr „Pause“ ziemlich wichtig. Mag sein, man kommt ein Jahr (oder zwei, bei längerer Schulzeit) später in den Arbeitsmarkt als die meisten europäischen Nachbarn, wie überall voller Panik trompetet wird. Aber ist das wirklich so schlimm? Macht das die Jobsuche so viel schwieriger? Ich kanns mir ehrlich gesagt nicht vorstellen. Ich hab jedenfallls nicht den Eindruck, dass hier überall Franzosen und Engländer arbeiten, während die deutschen Absolventen auf der Straße stehen, weil sie zwei Jahre später fertig sind.
Und wann hat man nochmal die Chance, ein Jahr was ganz anderes zu machen? Ohne sich *wirklich* ne Auszeit von Studium oder Job zu nehmen?
 
 
Daher stehe ich der Wehrpflicht im Allgemeinen erstmal positiv gegenüber.
Im Speziellen finde ich eine Wehrpflicht ausgesprochen anachronistisch. Und ungerecht.
 
 
Eine Sache wird in dem am Anfang verlinkten Artikel angesprochen, die längst überfällig ist: ein freiwilliger Wehrdienst.
Faktisch ist es schon längst freiwillig, ob man zum Bund geht. Man muss sich schon sehr blöd anstellen, damit die eigene Verweigerung abgelehnt wird. Demnach gehen nur noch die Leute zum Bund, die tatsächlich dahin *wollen* (oder die’s verpennen, zu verweigern. Die haben dann meistens auch richtig Spass bei dem Verein. Und der Verein mit ihnen. Gedient is keinem*). Überhaupt der Zwang, verweigern zu müssen, wenn man lieber Zivildienst machen will (man sieht, momentan gehts nur um die, die das überhaupt müssten) ist in meinen Augen schon lange überholt.
Daraus folgend gingen bei einer freiwilligen Entscheidung (und keiner Pflicht, die jeder verweigern kann) nicht weniger Leute zum Bund (wenn die Alternative nicht „gar nix machen“ is).

Daher den Zivildienst abzuschaffen halte ich aber aus oben genannten Gründen für grundfalsch.
Im Gegenteil: ich bin für ein verpflichtendes, wie auch immer zu nennendes „Jahr“ für alle. Und „alle“ schließt in diesem Fall den nicht bephallisierten Teil der Gesellschaft mit ein. Das Argument, mit dem Frauen bisher von der Wehrpflicht ausgenommen werden bzw. das von Frauenvertreterinnen (mit kleinem i) immer vorbringen, um den jetzigen Status aufrechtzuerhalten („wir kriegen ja die Kinder“), ist in einem Staat mit gegen Null tendierender Geburtenrate, in dem die übrigen Väter immer häufiger Vaterzeit in Anspruch nehmen, mehr und mehr hinfällig. Gleichberechtigung ist zweiseitig.
Mal ganz davon abgesehen, dass ich, wie oben gesagt, der Meinung bin, dass ein solches Jahr einen ganzen Haufen Vorteile mit sich bringt. Für die Leute, die dieses Jahr ableisten genauso wie für den Staat.

Wie genau dieses Jahr aussehen könnte, weiß ich nicht genau. Im Grunde sollte es eine Wahl zwischen Wehrdienst, Zivildienst und dem, was man momentan im freiwilligen ökologischen Jahr macht, sein. Oder was sonst noch sinnvoll erscheint.

Verpflichtend für alle und frei in der Wahl.
 
 
* Pun intended