Auslese


Ein neues Jahr ist angebrochen, es ist also wieder an der Zeit, die literarische Verköstigung des letzten Jahres auf einen Stapel zu packen und zu fotografieren:
 

Literaturm

 
Ich habe es leider nicht geschafft, alle Bücher zu lesen, die ich mir hab schenken lassenn oder ausgeliehen habe, aber das war ja auch ein sehr ambitioniertes Unterfangen. Der Vorrat dürfte noch gut bis weit ins frisch angefangen Jahr reichen.
 
(2008 hier)
 

NagelIch bin ein großer Fan von Terry Pratchett. Terry Pratchett in Originalsprache, um genau zu sein; die Übersetzungen lassen doch gerne etwas zu wünschen übrig. Was nicht heißt, dass die Bücher auf Deutsch nicht lustig wären, sie sind nur auf Englisch noch lustiger (entsprechende Kenntnis vor allem von Sprichwörtern etc. natürlich vorausgesetzt).

Wie schon herauszulesen ist: Pratchett schreibt witzige Bücher. Fast alle davon spielen in einer fiktiven Welt (der Scheibenwelt) und sind durchaus im Fantasy-Genre anzusiedeln.
Nation ist anders. Zum Einen spielt es im Grunde auf der Erde. Aber nur im Grunde, einige Dinge sind sehr verschieden, man kann es im Grunde als “Parallelwelt” betrachten.
Zum Anderen ist das Buch (gewolltermaßen) nicht so witzig wie die Scheibenwelt-Romane. Der Schreibstil ist zwar nach wie vor sehr kurzweilig, aber Momente zum laut Auflachen gibt es nicht.
Was nicht heißt, dass das Buch schlecht wäre. Ganz im Gegenteil, es ist großartig. Ich habe es verschlungen.

Die Geschichte spielt auf einer mikronesischen Insel im Pazifik (bzw. im Great Southern Pelagic Ocean) im Jahr 1870. Es geht um einen 14-jährigen Inselbewohner, der gerade seine Reifeprüfung bestanden hat, indem er 14 Tage allein auf einer Inseln überlebt hat. Während er auf dem Weg zurück zu seiner Heimatinsel und seinem Volk (der Nation) ist, bricht ein Vulkan aus, der einen Tsunami auslöst. Er überlebt den Tsunami, ist aber der einzige seines Volkes, wie er bei Ankunft auf der Insel feststellen muss.
Nach und nach treffen Überlebende anderer Inselvölker ein, und er als (jetzt) Stammesältester ist nun dafür verantwortlich, sein Volk wieder aufzubauen.
Gleichzeitig strandet ein gleichaltriges adliges englisches Mädchen auf der Insel, das ihm bei seiner Aufgabe hilft. Nachdem sie gelernt haben, zu kommunizieren.
(Mehr wird nicht verraten, ist ja keine Kinovorschau hier.)
 
 
Wie an der Beschreibung wohl schon zu merken ist, ist Nation eigentlich ein Jugendbuch. Aber das heißt ja nicht, das es nicht spannend wäre und vor allem nicht, dass ich es nicht lesen würde.

Es ist durchaus interessant, mal etwas anderes von Pratchett zu lesen. Kann ich nur empfehlen.

altEine Abhandlung über den jüngeren Teil der Bevölkerung, ihre Fehler, deren Ursachen und Lösungsansätze dafür. Ich habe im Vorfeld viel Gutes und noch mehr Schlechtes über dieses Buch gehört. Und ich kann mich ersterem mehr, letzterem weniger anschließen.
Das Buch ist in vier Kapitel unterteilt, die sich mit den Bereichen Bildung, Beruf, Liebe und Erziehung auseinandersetzen, und die jeweils in sich abgeschlossen sind, wobei am Ende eines jeden Kapitels Ideen und Ansätze für Wege aus der Misere gegeben werden.

Im Grunde ist das Buch eine einigermaßen kurzweilig geschriebene Analyse der “Generation Doof”, unter der die Autoren alles zwischen 15 und 45 stecken, für die Bildung, Eigeninitiative und Verantwortung zu vermeidenswerten Eigenschaften zählen. Hier setzt auch ein erster Kritikpunkt meinerseits an: die Autoren zählen sich dazu. Allerdings fällt bei der Lektüre auf, dass sie eben doch die genannten Eigenschaften besitzen, wodurch dieses sich-dazu-zählen, zwischendurch immer mal wieder betont, auf mich sehr gewollt bis rechtfertigend wird (“wir gehören dazu, also dürfen wir auch darüber schreiben.”).
Was allerdings im Grunde nur ein kleiner Punkt ist: im Großen und Ganzen ist das Buch wirklich gut durchdacht. Es wird treffend analysiert und vor allem recht unvoreingenommen mehrere Seiten eines Themas aufgezeigt. So wird zum Beispiel für Lehrer (und Erzieher, Tagesmütter etc.) mehr als nur eine Lanze gebrochen, ohne es zu unterlassen, tatsächlich bestehende Missstände aufzuzeigen, gepaart mit wirklich sinnvollen Lösungsansätzen. Ich als Lehrerkind (und bis vor Kurzem selbst Lehrender) bin in den entsprechenden Abschnitten aus dem innerlichen Kopfnicken nicht mehr herausgekommen.
Von diesen Stellen gibt es mehrere, und das ist es, wie das Buch mich letztendlich für sich gewonnen hat.

Eine klare Kritik, die eine wirkliche Begeisterung für das Buch dann doch verhindert, ist allerdings der Schreibstil. Nüchtern betrachtet ist das ein Sachbuch, was ein bisschen einen wirklich fesselnden Lesefluss verhindert. Soweit ist das ja noch nicht schlimm; ich erwarte von einem Sachbuch auch keinen Spannungsbogen, im Gegenteil. Allerdings versuchen die Autoren, die an sich trockene Thematik durch einen witzigen Schreibstil aufzulockern, wahrscheinlich nach Vorbild einiger damit erfolgreicher Autoren wie z.B. des Herrn Nuhr auf seiner Suche nach intelligentem Leben oder des Herren zu Hirschhausen und seiner wachsenden Leber. Leider schießen sie damit mehr als nur ein bisschen übers Ziel hinaus, so dass es passagenweise einfach zu gewollt witzig erscheint. Man muss nicht alle drei Sätze ein Wortspiel oder eine tolle neue Formulierung einbauen.

Trotzdem kann ich empfehlen, das Buch zu lesen. Im Großen und Ganzen ist es nunmal immer noch kurzweilig, und der Inhalt ist wirklich gut.

null

NagelThe Road ist ein Endzeitroman, in dem ein Mann und sein Sohn mit einem Einkaufswagen durch ein abgebranntes Amerika, in dem die Sonne den ascheverhangenen Himmel kaum durchdringen kann und alles von Asche bedeckt ist, versuchen, die Küste zu erreichen.
 
Warum das Land bzw. anscheinend die komplette Welt abgebrannt ist, wird nicht erwähnt, stattdessen wird die Geschichte so erzählt, als sei das Wissen darüber vorher bekannt. Was passiert ist, erschließt sich schemenhaft im Laufe des Buches; ganz klar wird es allerdings nie. Offensichtlich hält dieser Zustand aber schon deutlich über ein Jahrzehnt an.
Wer der Mann und sein Sohn sind, wird nie erzählt,es wird nur von “he” und “the boy” gesprochen. Überhaupt werden sehr viele Pronomen und Adjektive verwendet; Interpunktion und Nebensätze hingegen spärlich. Oft befindet sich zwischen zwei Punkten noch nicht mal ein vollständiger Satz, insbesondere,wenn die Umgebung beschrieben wird. Was ziemlich häufig passiert.

He lay listening to the water drip in the woods. Bedrock, this. The cold and the silence. The ashes of the late world carried on the bleak and temporal winds to and fro in the void. Carried forth and scattered and carried forth again. Everything uncoupled from its shoring. Unsupported in the ashen air. Sustained by a breath, trembling and brief. If only my heart were stone.

In the morning they went on. Desolate country. A boarhide nailed to a barndoor. Ratty. Wisp of a tail. Inside the barn three bodies hanging from the rafters, dried and dusty among the wan slats of light. There could be something here, the boy said. There could be some corn or something. Let’s go, the man said.

Wie zu sehen ist, wird wörtliche Rede überhaupt nicht gekennzeichnet, was es gelegentlich schwer macht, Dialogen zu folgen, oder Gedachtes von Gesagtem zu unterscheiden.
Auch mit Kapiteln wird gespart. Es gibt schlicht und einfach keine. Die Geschichte ist in kleinen bis mittellangen Absätzen geschrieben, zwischen denen mal Minuten, mal Tage Erzählzeit liegen können. Dieser Stil macht es zwar nicht einfach, einen Punkt zum Aufhören und Buch weglegen zu finden; passt aber sehr gut zur Handlung. Die Geschichte geht immer weiter voran, genau wie die beiden Protagonisten.
Das Tempo der Geschichte ist sehr langsam, was ebenfalls dem Inhalt durchaus gerecht wird. Ich habe mich anfang mehrfach gefragt, wann denn endlich etwas passiert.
 
Dieser Schreibstil, aber auch die verwendete Sprache machen das Buch relativ schwierig zu lesen (zumindest, bis man sich daran gewöhnt hat), insbesondere, wenn man es in Englisch liest. Selbst für mich als jemand, der diese Sprache ausgesprochen gut beherrscht, hält das Buch noch neue Wörter bereit. :)  
 
Achtung Spoiler: im nächsten Absatz verrate ich etwas über das Ende. Wer dammit leben kann, etwas darüber erzählt zu bekommen, markiere einfach den Text in der Box. Der Rest lese einfach drunter weiter.

Das Ende fand ich leider etwas unbefriedigend. Einige Dinge, die während der Reise ständig angesprochen werden (“We are carrying the fire”; Was erhoffen sie sich von der Küste? etc.) bleiben völlig offen. Auch bin ich nicht so sehr der Freund von offenen Enden, aber hier passt es ja auch zur Geschichte.

Trotz der Schwierigkeit des Textes halte ich The Road für ein außergewöhnliches und gutes Buch. Niveauvolle Unterhaltung.
Der Autor hat übrigens auch No Country for Old Men geschrieben. Wer das gelesen (oder den Film dazu gesehen) hat, sollte sich also Tempo und Dialogreichtum des Buches vorstellen können.
 
Wird übrigens momentan auch verfilmt.

Fahrenheit 451 Ein Klassiker, der einigen bestimmt aus dem Oberstufenenglischkurs bekannt sein dürfte, sich bisher aber erfolgreich vor mir versteckt hat. Hatte.
[Achtung, Spoiler]
Bradbury beschreibt eine Dystopie, in der die Regierung die Bevölkerung meinungslos hält, indem sie dafür sorgt, dass sämtliche Bücher und Zeitungen verboten und nach Möglichkeit vernichtet sind. Die Bevölkerung wird durch Werbedauerberieselung (schön genau “vorhergesagt”) und sogenannte “Parlours”, ein Raum voller Monitore, die Telekonferenzen simulieren und in denen die Leute stundenlang hocken (hallo Chaträume) dumm und zufrieden gehalten.
 
Montag, die Hauptfigur (ein selten dämlicher Name), ist “Fireman”, was so viel bedeutet, dass er Häuser abfackelt, in denen jemand Bücher gehortet hat. Irgendwann fängt er an, sich zu fragen, ob er das richtige tut, einerseits angestachelt vom geheimnisvollen (uuuh) Nachbarschaftsmädchen Clarisse (eine Figur, die ich nicht ganz verstanden habe), andererseits dadurch, dass er ein Haus niederbrennen muss, dessen alte Bewohnerin sich weigert, zu gehen (bei der Gelegenheit sackt er heimlich ein Buch ein).
Er fängt irgendwann an, durchzudrehen, wird verraten und flieht, und wird schließlich von einer Gruppe Abtrünniger aufgenommen. Ach ja, die ganze Zeit über bricht übrigens ein Krieg aus, welcher die Bevölkerung nicht interessiert, bis sie schließlich plattgemacht wird.

Das Buch is angenehm zu lesen und spannend geschrieben. Schadet nicht, es mal gelesen zu haben.
Allerdings sind mir so ein paar Dinge nicht ganz grün:

  • Wenn Bücher bäh sind, wie lernen die Leute dann lesen (denn das tun sie)?
  • Clarisse passt mir irgendwie nicht, weil sie zu kryptisch ist, und aus der Geschichte entfernt wird wie ein unliebsamer Schauspieler aus einer Seifenoper.
  • Montags Nervenzusammenbruch ist mir etwas zu übertrieben (aber nichtsdestotrotz gut geschrieben).
  • Das Ende ist mir zu offen.

Trotzdem ein gutes Buch.
 
 
Die gute Eva hat mir das übrigens stilgerecht als Reclam-Heftchen geschenkt. Mit Vokabeln unten auf der Seite.
Ich konnte mich beim Lesen natürlich nicht zurückhalten, zu gucken, welche Vokabeln denn da gegeben werden. Leider stört das ein wenig beim Lesen, weil man teilweise durch die Vokabeln vorgreift und zusätzlich aus dem Lesefluss herauskommt.
Die Auswahl der Vokabeln fand ich nebenbei auch befremdlich. Neben manchen durchaus sinnvollerweise angegebenen Wörtern waren nämlich oft auch solche dabei, die ich als eher trivial bis sollte-man-wissen ansehen würde, während andere wesentlich ungewöhnlichere Worte nicht erklärt wurden.
Seltsam.

Nächste Seite »